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Landschaft einer emsländischen Niederung im Wandel der Zeit PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Anika Börries   

Auch wenn für viele Menschen Bäche, Seen, Heide und Moore der Inbegriff intakter Naturlandschaften sind, so gibt es in Mitteleuropa heute keine reinen Naturlandschaften mehr. Alle Landschaftsformen, die wir in Mitteleuropa kennen, sind über eine lange Zeit direkt oder indirekt durch den Menschen geprägt worden. Jede Kulturepoche des Menschen hat die Landschaft, in der sie lebte, geprägt. So hat bereits die Übernutzung der Herden der Großherbivoren in der Steinzeit durch die Jagd zu einer deutlichen Veränderung der Flora und Fauna geführt, weil sich zum Beispiel erst durch das Fehlen der großen Pflanzenfresser die großen Wälder ausbreiten konnten (BUNZEL-DRÜKE, M. (1994), S. 25).

Durch die Seßhaftwerdung der jagenden Nomaden im Neolithikum und die anfangs kleinflächigen Rodungen für den neu aufkommenden Ackerbau wurde wieder eine Mosaiklandschaft aus Wäldern, Gehölzen und Freiflächen geschaffen. Es entstanden so neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Mit der steigenden Bevölkerungszahl ab dem späten Mittelalter und der dadurch bedingten steigenden Nutzungsintensität veränderten sich die Lebensräume weiter. So hat man im 17. und 18. Jahrhundert „meilenweit“ durch die Markengebiete gehen können, ohne einen Baum zu sehen. Es gab in den Marken nur noch verlichtete Busch- und Niederwälder (HÜPPE, J. (2002), S. 155). Es entstanden die für das Emsland damals typischen großen Heide- und Wehsandflächen, die zusammen mit den Mooren für viele Tier- und Pflanzenarten einen wichtigen Lebensraum darstellen, landwirtschaftlich aber weitgehend wertlos waren. Erst im 19. Jahrhundert begann man wieder Wälder aufzuforsten. Heute geht man davon aus, daß es den größten Diversifizierungsgrad und Reichtum an Biotoptypen in der bäuerlichen Kulturlandschaft in der vor- und frühindustriellen Zeit gab (HÜPPE, J. (2002), S. 152).

Durch die extrem schnell voranschreitende Technisierung der Landwirtschaft und die sich damit neu eröffnenden Möglichkeiten der Bewirtschaftung hat sich die Kulturlandschaft vor allem in Nordwestdeutschland in den letzten Dekaden sehr schnell und stark verändert. Dies hatte zum Teil recht drastische Auswirkungen auf das Landschaftsbild und die Flora und Fauna. So verschwanden zwischen 1900 und 1983 dreizehn Brutvogelarten (darunter Weißstorch, Schwarzstorch, Kampfläufer und Goldregenpfeifer), das heißt rund zehn Prozent der einheimischen Vogelarten im Untersuchungsgebiet, dem Hümmling (Düttmann 1984, 43 - 60).

In den letzten 100 Jahren hat der landwirtschaftlich geprägte Raum auf Grund der Intensivierung der Landwirtschaft tiefgreifende strukturelle Veränderungen erlebt. Vor allem einige Gegenden im westlichen Niedersachsen haben sich in diesem Zeitraum rasant von einer zum Teil sehr archaischen Wirtschaftsweise Anfang des 20. Jahrhunderts hin zu den führenden Produktionsstandorten für die Lebensmittelindustrie entwickelt, leider oft mit der Folge, daß sich Landschaft und Lebewelt ebenso drastisch verändert haben. Dabei wurden viele, in früheren Zeiten für die Landwirtschaft unbrauchbare Flächen mit neuer Technik in die landwirtschaftliche Nutzung genommen. Das führte dazu, daß zunehmend auch noch weitgehend naturbelassene Flächen wie Moore, Feuchtwiesen und Heiden verschwanden und mit ihnen, die für sie typische Flora und Fauna. Die Wirtschaftsweise der heutigen Landwirtschaft läßt auf Grund der intensiven Nutzung und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln keine große Biodiversität zu, so daß der ökologische Wert der heutigen landwirtschaftlichen Nutzflächen oft eher als gering einzuschätzen ist.

Am Beispiel des südlichen Teils der Gemeinde Vrees und der Niederung der Mittelradde bis nach Wieste (Landkreis Emsland) wurde die Entwicklung der Landschaft und des Lebensraumpotentials anhand von Luftbildern aus den Jahren 1937, 1956, 1973 und 2002 nachvollzogen und quantifiziert.

Mittels der aus den Luftbildern ermittelten Landnutzung, GPS-Daten von Wiesenvogelnestern aus Gelegeschutzprogrammen der Landkreise Emsland und Cloppenburg sowie Literaturwerten werden potentielle Lebensräume für Wiesenvögel zu den jeweiligen Zeitpunkten ermittelt. Die Auswertungen ergeben, daß sich der Lebensraum deutlich verkleinert und strukturell stark verändert hat. So war das Niederungsgebiet von Marka und Mittelradde zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine fast geschlossene Grünlandfläche, die nur vereinzelt von Hecken oder Feldgehölzen durchsetzt war. Ursächlich für die Verkleinerung des Lebensraums sind demnach maßgeblich die Neuanlage von Hecken hauptsächlich als Windschutz und die Aufforstung von zum Teil nicht standortgerechten Wäldern in den vormals nahezu gehölzfreien Niederungsgebieten.

Bei den Untersuchungen hat sich zudem gezeigt, daß Veränderungen in der Größenstruktur der Schläge ab Mitte der 1950er Jahre einsetzten und Veränderungen in der Landnutzung ab ca. 1970 stattfanden. Die Änderung der Nutzugsstruktur vom reinen Grünland zum gemischten Grün- und Ackerland scheint eine kleinere Rolle für den Rückgang der Wiesenvögel zu spielen. Wichtiger für die Eignung als Lebensraum ist hier eine Nutzung, die zunächst wenig Deckung für Raubtiere bietet. Sind die Jungen geschlüpft, muss die Vegetation gerade so hoch stehen, dass sich die Tiere darin verbergen können, Gleichzeitig dort aber auch genug Nahrungstiere (vor allem Insekten) dort vorfinden können. Durch die intensivere Grünlandnutzung sind diese Randbedingungen kaum noch zu finden, da das Gras der Wiesen durch die intensive Düngung schneller wächst und auch entsprechend früher gemäht wird. Hier setzt das Gelegeschutzprogramm der Landkreise Emsland und Cloppenburg gute Maßstäbe, bei dem Gelege markiert werden und eine mosaikartige Mähstruktur angeraten wird, um den Jungtieren Fluchtmöglichkeiten in verbliebenen Grünlandstreifen zu bieten.

In den Niederungen der Radden haben sich bis heute vergleichsweise starke Populationen an Wiesenvögeln halten können, weil sie traditionell bis vor wenigen Jahrzehnten weitgehend gehölzfrei waren. Um die Lebensräume dieser Arten auszuweiten bzw.  wiederherzustellen, ist es sinnvoll, neben dem Erhalt einer relativ extensiven Wirtschaftsweise (versetzte Mähtermine etc.), gezielt Hecken und neuaufgeforstete Waldflächen aus der Niederung zu entfernen, um so verinselte Lebensräume wieder zu verbinden und Prädatoren Deckungsmöglichkeiten zu nehmen.

Weitere Schutzmaßnahmen, die den Bruterfolg trotz intensiver Bewirtschaftung sichern, sollten in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, der Jägerschaften und nicht zuletzt der Landkreise ergänzend durchgeführt werden, um die für die Niederung typische Flora und Fauna zu erhalten.

References

  • Heinz Düttmann. 1984. Der Verlust an Brutvogelarten im Zeitraum 1900 - 1983 am Beispiel des Altkreises Hümmling (Niedersachsen) In Osnabrücker naturwissenschaftliche Mitteilungen, 43 - 60. Osnabrück.
  • BUNZEL-DRÜKE, M., Drüke, J. & H. Vierhaus (1994): Quaternary Park: Überlegungen zu Wald, Mensch und Megafauna. In: Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V.: ABUinfo 17/18, Heft 4/93, 1/94
  • HÜPPE, J. (2002): Von der Urlandschaft zur Kulturlandschaft – Die Vegetations- und Landschaftsentwicklung. In: FRANKE, W. et. al.: Der Landkreis Emsland – Geographie, Geschichte, Gegenwart – Eine Kreisbeschreibung. Meppen 2002, S. 141 - 167
 

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